Dienstag, 31. März 2015

Smarter Stubenhocker


Zeitnah mit Kendrick Lamar zu veröffentlichen ist ein dickes Ding. Kendrick flext ordentlich was weg und bringt das wohl beste Hörbuch seit Nas „Illmatic“ raus brachte. Der 21-jährige Earl Sweatshirt zeigt sich davon aber wenig beeindruckt und veröffentlicht seinen Longplayer "I Don't Like Shit, I Don't Go Outside". Er fischt in einem anderen Teich. Musikalisch sehr minimal und düster gehalten. Keine Radio-Hits: Die Sonne von Kalifornien scheint hier nicht. Es schleppt träge vor sich hin und wirkt in vielen Momenten sperrig. Slow-Mo-Boombap. Fast alle Tracks hat er selber produziert. Nicht immer mit überragender Soundqualität. Das passt dann wiederum zu den Lyrics. Die Identität des Albums besteht aus Angst, Wut, Zweifel und Misstrauen. Verstecken muss sich der Odd Future – Member damit nicht, aber grosse Lobenhymnen werden ausbleiben. „IDLSIDGO“ bewegt sich jedoch souverän in seiner Nische und ist damit ein weiteres relevantes Album innert kurzer Zeit aus Los Angeles.

Montag, 30. März 2015

Analog ist das neue Bio



In den letzten Jahrzehnten ging der Mensch durch eine rasante, technische Entwicklung. Jeder der heute irgendwo im Berufsleben steht, hat diese aktiv mitgemacht. Und wir sind ja durchaus empfänglich für die Annehmlichkeiten, die diese hervorgebracht hat. In diesem Buch geht Autor Andre Wilkins erst durch Chancen und Risiken des Digitalen, um anschliessend analoge Alternativen aufzuzeigen. Es geht um Sicherheit, um Ueberwachung oder der Ablösung des Menschen durch die Maschine. Wie weit ist digitale Logik bei uns schon durchgedrungen? Müssen wir in Zukunft voll digital durchmarschieren? Sind Nebenwirkungen wie Vereinsamungen oder Shitstorms tragbar? Vielleicht kann die Evolutionsmaschine Mensch Ideen und Strategien finden, um auch in Zukunft sozial und demokratisch leben zu können. Am Beispiel von Bio kann man sehen, wie wichtig Nischen für Veränderungsprozesse sein können. Ein unterhaltsames Buch und ein Plädoyer für die digitale Menschheit.

Samstag, 28. März 2015

Kritik von aussen


Das M4Music-Festival hat sich unter Musikschaffenden als festen Treffpunkt etabliert. Ein grosser Melting Pot bestehend aus Musiker, Künstlern, Vertreter von Labels und Musik-Firmen, Verlags – und Medienmenschen, Bookers, Veranstalter und Musikliebhabern. Das Programm mit Konzerten von Lo&Leduc, Mimiks, Bilderbuch, Jungle, Sohn und Zola Jesus ist auch dieses Jahr wieder bestechend geschmackssicher. Vor dem Exil gibt es zusätzlich Gratis-Konzerte von Nachwuchstalenten. Auf den ersten Blick versprüht die Bühne dort wenig Charme, bietet den Acts aber eine vielbeachtete Gelegenheit sich zu präsentieren können. Flankierend dazu runden die Conference und die Demotape-Clinic den Event ab.

Im Rahmen der Conference wurden in einem Panel die Chancen von Schweizer Bands im Ausland durchleuchtet. Einige streben dieses expandieren gezielt an – viele scheitern jedoch daran. Was braucht es damit Schweizer Pop-Musik im Ausland Erfolg hat? Zu diesem Thema diskutierten Jens Balzer (Popkritiker aus Berlin und Rolling Stone-Kolumnist), Bahar Tozman (führt in Hamburg ihre eigene Agentur und war davor jahrelang A&R bei EMI) und der Schweizer Jean Zuber (Leiter Swiss Music Export). Auf Basis von hierzulande aufstrebenden Bands wurde die Schweizer Szene analysiert und kritisiert. 

Eine typische Konzept-Band wie Kadebostany wurde zwar einerseits gelobt für ihr Songwriting, aber andererseits kritisiert für die fehlende Radio-Songstruktur. Also im Endeffekt fehlende Mainstream-Zugänglichkeit und damit Probleme bei der Vermarktung. Nicht zu vergessen: Wir sprechen hier von immerhin 3 Millionen Youtube-Klicks. Wer Kadebonstany schon live gesehen hat, weiss dass sie ein gute Show im Stile von „Blasmusik trifft Elektropop“ bieten. Die Band schielt nach Frankreich und Deutschland – eine vermutlich zu grosse Herausforderung meinten die beiden Experten aus Deutschland. “Insgesamt ein zu niedlich-schlaffes Gesamtbild“ fand Jens Balzer, der die Runde mit seiner schonungslos nüchternen Art bereicherte. Positiver im Ansatz wurden Klaus Johann Grobe und Puts Marie bewertet. Der Musik wurde mehr Drive attestiert und in den besten Momenten können ihre Tracks für positive Emotionen sorgen. Genau das wäre unter anderem wichtig für internationale Vermarktbarkeit. Jean Zuber streute immer wieder positive Facts ein und versuchte die Podiumsrunde positiv zu stimmen. Das gelang nicht wie gewünscht. Unter dem Strich blieben Skepsis (Tozman) oder grosse Skepsis (Balzer) übrig. Zuviele Schweizer Exporte die im Ausland eben grandios gescheitert sind. 

Deutlich am meisten Kritik hagelte es für die Musik von Yokko. Stadion-Rock von der Ecke, der hoffnungslos überinstrumentiert sei. Für den Pathos, der hier nötig sei, sei das Stimmvolumen des Sängers viel zu klein, argumentierte Jens Balzer. Man mag ihn verstehen, teilweise fehlen hier auch Ecken und Kanten. Bemerkenswert: Frontmann Adrian Erni stellte sich der Kritik und sass im Publikum. Interessant ist die vorallem Wahrnehmung in diesem Zusammenhang. Im Inland hart gefeiert: Vor einem Jahr erhielt die Band den begehrten Stein in der Kategorie „Best Talent“ bei den Swiss Music Awards. Von ausländischen Betrachtern jedoch scharf kritisiert. Vielleicht ist dies gerade das Fazit, das Künstler, die im Ausland reüssieren möchten, verinnerlichen sollten. Der Konsens als grosse Herausforderung. Der Weg für internationalen Erfolg ist und bleibt für Schweizer Künstler steinig.

Freitag, 27. März 2015

Im Bewusstsein gesellschaftlicher Probleme


Um die Jahrtausendwende hatte das Label Buback mit „Bambule“ und „Deluxe Soundsystem“ zwei Alben veröffentlicht, die bis heute als zeitlose Klassiker durchgehen. Der Mann hinter Buback ist der Maler und Künstler Daniel Richter, der bis heute ein feines Gespür für Musik und ihre kommenden Trends hat. Eigentlich ein Punk, der ursprünglich Plattencover für „die goldenen Zitronen“ gemalt hat. Und auch schon für Jan Delay. Testo und Grim104 von Zugezogen Maskulin fanden das alles offensichtlich sehr spannend und unterschrieben für das  zweite, bzw. erste offizielle, Album beim Hamburger Label. Ihr Name ist eine Referenz an die Berliner Rap-Crews Westberlin Maskulin (Kool Savas und Taktloss) und Südberlin Maskulin (Fler und Godsilla). 

Auf „Alles brennt“ geht es um Themen wie Globalkapitalismus, Ausländerhass und Gentrifizierung. ZM sind unbequem und fordern ihre Zuhörer mit giftigen Zeilen heraus. Ihnen gelingt es jedoch gut die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben. In einigen Momenten ist dann sogar grandios. Textlich sarkastisch und ironisch – mit linker und antifaschitischer Einstellung. Auf dem Lande aufgewachsen und dann doch irgendwann in Berlin gelandet. In der Heimat der Hipster wie Sie auf „Oranienplatz“ kritisch feststellen. In einem Moment noch in der Szene-Bar und dann plötzlich auf einem Flüchtlings-Camp. Auch „Agenturensohn“ dreht sich um das Leben bzw. Arbeiten in Berlin. Aber auch die Tristesse und Ausweglosigkeit der ostdeutschen Jugend wird eingehend verarbeitet. „Guccibauch“ ist dann kaptialismuskritisch und ein Seitenhieb an den Materialismus.
Meistens können die Produktionen, mit clubtauglichem Trap-Sound, überzeugen. In manchen Momenten, bei 808-basierten Instrumentals, kommt auch ein trashiger Touch dazu. Trotzdem stimmt die Soundverpackung mit vielen dicken und kompromisslosen Bässen.

Ein eigenartiges, wortgewaltiges und spannendes Album. Tenor: So wenig wie möglich beschönigen. Der Mikrokosmos will genau durchleuchtet sein, oftmals erkennt man die Genialität des Album erst nach mehrmaligem Durchhören. Und die punkige Grundeinstellung vom Label-Boss Daniel Richter findet man darauf ebenfalls, was den Kreis wieder schliesst. Ein Klassiker, wie die eingangs erwähnten Alben, ist „Alles brennt“ nicht geworden. Dafür aber ein wichtiges Zeitdokument. ZM spielen am 14. April im Exil in Zürich.

Donnerstag, 26. März 2015

Die Band mit Schwiegersohnpotential


Bilderbuch haben auf ihrem Album „Schick Schock“ ja so einige klebrig-tolle Ohrwürmer. Sonnenbrillen, Talkbox, Gitarren ergeben dann unter dem Strich ein Mix aus Indiepop und R’n’B. DJ Testa, ebenfalls aus Austria, lud sich den Ueberhit „Maschin“ auf die Plattenspieler und bastelte hier eine kleine Routine. Falco hätte es gefeiert.