Sonntag, 22. Mai 2016

„Am Ende geht es mir ausschliesslich um Ästhetik. Ich lege sehr viel Wert auf Klang und Bildhaftigkeit und versuche, auch wenn ich immer wieder an meinem Dilettantismus scheitere, eine eigene Sprache zu entwickeln“


Sinan Stäheli alias CBN, Mitglied von Eldorado FM, releast aktuell sein zweites Solo-Album "Tourist". Zeit für ein Gespräch.

Tom: Der Album-Titel zieht sich mit verschiedenen Facetten wie ein roter Faden durch das Album. Wie und warum bist du beim Thema „Tourist“ gelandet?
CBN: Zum einen sind die ersten Skizzen des Albums an den unterschiedlichsten Orten Europas entstanden. Wir (Georg Gadient und ich) waren viel unterwegs und haben unter anderem in Frankreich und in England Musik gemacht. Dieser Geist zieht sich durch das ganze Album. Ich habe damals viel fotografiert und die Mehrheit der Bilder im Artwork stammt aus dieser Zeit. Zum anderen überkommt mich mindestens 8 Mal pro Tag das Gefühl eine Insel zu sein. Das bezieht sich sowohl auf HipHop in der Schweiz als auch auf unzählige Alltagssituationen. Diese Mischung aus beissender Fremdscham und dem Bedürfnis schnellst möglich über alle Berge zu sein, ist mir über die Jahre ein treuer Begleiter geworden. Es steckt ein gewisse Fluchtneurose in diesem Album, aber selbstverständlich fand ich wie schon bei „Papillon“ auch einfach das Wort „Tourist“ schön.
Tom: Welche Aspekte sind dir generell wichtig wenn du Texte schreibst?
CBN: Am Ende geht es mir ausschliesslich um Ästhetik. Ich lege sehr viel Wert auf Klang und Bildhaftigkeit und versuche, auch wenn ich immer wieder an meinem Dilettantismus scheitere, eine eigene Sprache zu entwickeln. Ich glaube meine Texte lassen viel Raum für Interpretation und der Hörer wird bewusst im Regen stehen gelassen. Aber um das geht es mir am Ende auch. Ich verachte jegliche schlecht formulierten Versuche Gesellschaftskritik auf plumpe Art zu transportieren. Diese Phrasendrescherei, die in der hiesigen Mundartszene vorherrscht, empfinde ich als grauenhaft. Das zentrale bei Rap ist doch der Spass am Umgang mit der Sprache. Da steht kein akademischer Anspruch dahinter, so meine ich das nicht. Aber Style zu haben, erachte ich als dezidiert erstrebenswert.
Tom: Wenn ich die Featurings durchgehe fällt mir auf, dass der Sänger Levin gleich auf 4 Tracks vertreten ist. Zudem hat er auch den grössten Teil des Albums produziert. Er ist noch nicht allzu bekannt, ist aber ein sehr versierter Musiker. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
CBN: Levin hat für's Eldorado-Album „Luke mir si di Vater“ zwei Songs produziert. Auf diesem Weg kam der Kontakt zustande. Ich halte ihn für eines der grössten Talente in der Schweizer Musikszene zurzeit und seine Produktionen sprechen eine ganz eigene Sprache. Ich habe ihn ihm endlich jemanden gefunden, der mich musikalisch perfekt ergänzt. Zudem hat er mich während des Albumprozesses stark gefordert, was der Sache äusserst dienlich war. Mittlerweile sind wir auch freundschaftlich sehr verbunden.
Tom: Mit Eldorado FM habt ihr vor einem Jahr unfassbar viel verkauft. Aktuell hält sich Manillio hart in den Charts. Wie wichtig ist für dich das Thema Charts?
CBN: Selbstverständlich freut es einen, wenn man auf grosse Resonanz stösst. Zu sagen, es wäre nicht toll viel zu verkaufen, wäre ja lächerlich. Allerdings bedeutet mir eine Chartplatzierung persönlich nicht sehr viel. Man muss auch realistisch sein. Ich konnte zwar mit Eldorado FM sehr grosse Erfolge feiern, aber als Solo-Artist war ich doch längere Zeit von der Bildfläche verschwunden. Meine Musik ist ein ganz klares Nischenprodukt und dementsprechend sind auch meine Ambitionen bezüglich Charts nicht gross. Ich bin aber ziemlich glücklich über den Umstand, dass das Album bei Künstlerkollegen sehr gut ankommt. 
Tom: Wenn ich dich als Rapper analysiere stelle ich fest, dass du nicht dem typischen Klischee entsprichst. Auch optisch. Ich finde das spannend und du kokettierst auch damit. Zum Beispiel wenn du sagst „Chleider wie en englische Grossgrund-Bsitzer“ oder „King vo de Chelsea-Boots“. Wie kam es zu dieser Positionierung?
CBN: (lacht). Ach, es bleibt mir ja gar nichts anderes übrig als damit zu kokettieren. Vor sechs oder sieben Jahren war ich halt der erste der sich so anzog, das kann man sich heute schon fast nicht mehr vorstellen. Klar biete ich so eine gewisse Angriffsfläche, dem bin ich mir bewusst. Aber für mich ist das „sich selber feiern“ einer der Hauptpfeiler von Rap. Ich packe diese Übertreibungen deshalb auch so gerne in meine Texte und polarisiere dadurch. Wem dabei ein gewisses Augenzwinkern nicht auffällt, ist meiner Meinung nach ein ziemlicher Dummkopf.
Tom: Bei deinem Album höre ich auch verschiedene Einflüsse. Was hörst du privat für Musik?
CBN: Ich höre sehr viel unterschiedliche Musik. Klar, ich höre sehr viel Rap, ich bin aber auch ein grosser Fan von elektronischer Musik. Zuhause läuft bei mir viel Jazz und im Auto viel klassische Musik. Trance und Heavy Metal gehen gar nicht, aber ansonsten bin ich sehr offen. Zurzeit höre ich das neue James Blake Album. Das ist schlicht genial.
 

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