Sonntag, 8. Mai 2016

„Der ganze Prozess war viel anders als früher“


Maurice Polo, einigen auch als Steezo bekannt, releast aktuell sein drittes Werk „Nordringboulevard“. Neues Album, neuer Name – Zeit für ein Gespräch.


Tom: Als Steezo hast du dich mit deinen Alben und Mixtapes gut in der Rap-Szene positioniert. Was für eine Vision steckt hinter dem Nameswechsel zu Maurice Polo?

Maurice Polo: In der Vergangenheit habe ich immer gemacht was ich für richtig gehalten habe. Jeder Moment hat gepasst. Von den Leuten mit denen ich zusammengearbeitet habe, konnte ich auch viel lernen. Dafür bin ich dankbar. Es war eine coole Zeit. Trotzdem muss ich rückblickend sagen, dass ich mich selber teilweise falsch positioniert habe. Irgendwann konnte ich diese Schlagwörter in Bezug auf „Steezo“ nicht mehr hören. Dinge wie „Züri“ oder „Mixtape“ zum Beispiel. Da fühlte ich mich schubladisiert. Ich hatte keinen Bock mehr auf diesen Ruf. Das war ein Grund für mich mir einen neuen Namen und auch ein neues Outfit zuzulegen. Ich wollte einen neuen Look schaffen. 

Tom: Fühltest du dich gefangen in deinen eigenen Konstrukt?

Maurice Polo: Meine Jungs und ich machen seit Ende der Neunziger Jahre Musik. Wir hatten das Glück dass wir sehr jung auch grosse Konzerte spielen durften. Als wir 18 oder 19 Jahre alt waren hatten wir unser eigenes Label. 3 – 4 gute Gigs und dann war’s das aber auch. In der anschliessenden Phase haben wir uns oft selber ein Bein gestellt. Wir waren nicht kompromissbereit. Kamen zu spät an die Termine oder gar nicht. Oder wir haben Konzerte versaut weil wir im Backstage randaliert haben. Wenn Veranstalter nur schon unseren Namen gehört haben, haben die gleich abgewunken. Da blieben für uns viele Türen verschlossen. Diesen Ruf konnte ich nie mehr richtig ablegen. Mit meinem letzten Album „Alles macht Sinn“ vor 3 Jahren versuchte ich dann eine andere Schiene zu fahren. Etwas offenere Musik zu machen und damit ein breiteres Spektrum zu erreichen. Das gelang mir eigentlich gut. Ich bin zwar nicht gross gechartet aber war damit immerhin 2 Jahre auf Tour. Die Verkäufe waren ok. Das war cool und dafür bin ich sehr dankbar. Das war es dann aber auch und es lag halt so wie ein Fluch auf der ganzen Sache. Da wollte ich dann etwas neues schaffen. Viele Leute, kein Witz, konnten auch den Namen nicht richtig aussprechen. In der Hip Hip- Szene, sagen wir bei 300 Leuten, ist das natürlich kein Problem, die kennen mich. Aber der ganze restliche Kuchen in der Schweiz eben nicht. Meine Eltern können den Namen heute noch nicht richtig aussprechen. Ich war eingeladen an Termine, zum Beispiel Radio-Interviews, da kündete mich der Moderator falsch an. Das hat mich einfach gestört. Darum hatte ich dann auch viel mit „aka’s“ gearbeitet. Mir andere Egos zugelegt. Interessant ist dass der Namenswechsel erst während dem Album-Prozess entstanden ist. Wir waren hin – und hergerissen ob wir das machen wollen oder nicht. Das Album wurde dann aber musikalisch gesehen so anders, im Vergleich zu meinen vorherigen Sachen. Ich habe neu eine Live-Band, ich arbeite mit einem anderen Team zusammen und habe nun auch ein Managment hinter mir. Alles ist anders als vorher. Da kamen wir an einen Punkt wo wir sagten „hey, das ziehen wir jetzt durch“. Wir fahren voll den Film. Ich war mir bewusst dass es auch kritisch werden könnte. Ich habe eine kleine und starke Fan-Base. Gewisse Leute finden das natürlich nicht cool. Zum Beispiel hat sich auch Greis, der eigentlich Fan ist, bei mir gemeldet. Er konnte es anfänglich einfach nicht ganz nachvollziehen und war etwas irritiert. Da habe ich ihm meine Sicht der Dinge erläutert. Solche Feedbacks gab es. Das verstehe ich auch. Einige Leute szenenintern konnten es nicht nachvollziehen. Ich fand aber „hey, ich kann machen was ich will“, ich und mein Team stehen voll dahinter. Ich denke es kommt gut. Ich habe noch nie so ein Hype mit meinem Produkt generiert wie jetzt. 

Tom: Als ich mir das Album angehört habe, sind mir schon ein paar neue Dinge aufgefallen. Zum Beispiel auch in Bezug auf Song-Strukturen. Inwiefern hat sich musikalisch gesehen dein Sound aus deiner Sicht jetzt verändert?

Maurice Polo: Ich musste lernen Sätze anders zu formulieren und positiver zu sprechen. Das war mir wichtig. Die Musik die ich früher machte hatte im jeweiligen Moment für mich gestimmt, wie erwähnt. Ich habe es aus dem Bauch heraus gemacht und fühlte mich dabei immer wohl. Aktuell bin ich jedoch etwas fokussierter an die Sache rangegangen. Das neue Album habe ich nun mit einem Team realisiert das nicht aus meinem früheren Umfeld kam. Mein Produzent Japhna Gold kenne ich erst seit meinem letzten Album wo er ein Featuring gemacht hatte. Da hatte er den Beat zu „Church“ beigesteuert. Zufälligerweise wohnen er und seine Jungs gleich in unmittelbarer Nähe von mir. Sie haben 3 verschiedene Wohnungen, so WG-mässig, nebeneinander. Dort wird nur Musik produziert und graphische Sachen gemacht, ein Künstler-Kollektiv. Ich bin da in diesen Kreis hineingeraten und bin sehr dankbar dass ich da mit vielen kreativen Leuten zusammenarbeiten darf. Früher kannte ich sowas nicht. Ich fuhr einfach meine Rap-Schiene und hatte jemand der mir einen Beat gemacht hatte. 16 Bars, eine Hook und wieder 16 Bars...damit sind wir dann einfach raus. Jetzt arbeite ich mit Leuten die sich noch mehr Gedanken machen wie man einen kompletten Song produziert. Ich hatte vorher nie eine Bridge aufgenommen, solche Dinge halt. Klar, bin ich auch Musik-Fan und kannte sowas. Trotzdem habe ich mir selber früher nie Gedanken darüber gemacht. Japhna ging voll auf mich ein als Künstler. Er kam mit vielen Ideen wie zum Beispiel nur 4 Bars und dann kommt ein Beat-Wechsel und so weiter. Der ganze Prozess war viel anders als früher. Darin sehe ich den Hauptunterschied. Textlich und inhaltlich bewege ich mich immer noch in sehr ähnlichen Welten wie vorher. Da habe ich mich selber nicht neu erfunden.

Tom: Hast du dir Ziele gesetzt mit dem neuen Album? Was möchtest du damit erreichen?

Maurice Polo: Wir hatten klare Vorstellungen in welcher Form und in welchem Look wir rausgehen wollten. Das haben wir schon erreicht. Alle Ziele die ich mir gesetzt habe, sind bereits erreicht obwohl das Album gar noch nicht releast war. Alles was jetzt noch passiert ist Bonus. Ich bin dankbar wo immer es damit noch hingeht. Ich habe mich an einem sehr bekannten Album aus dem Jahre 2015 orientiert und wollte etwas ähnliches in dieser Richtung schaffen. Das ist uns gelungen. Schon mit dem Vorverkauf habe ich bereits mehr verkauft als je bisher. Crazy. Die Tour steht auch bereits. Früher mussten wir den Bookings hinterher rennen. Die Promo-Phase war auch optimal. Alles ist top und geht auf, sehr cool.

Tom: Wenn ich dich als Rapper analysiere sehe ich deine Stärken im Bereich Flow und Gimmicks. In diesem Bereich hast du einen richtigen Trademark-Sound mit einem hohen Wiedererkennungswert entwickelt. Hast du dies bewusst gefördert oder hat sich dies einfach so ergeben?

Maurice Polo: Das ist sehr natürlich. Ich habe dies nicht kopiert und mir dazu auch überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich arbeite aus dem Bauch heraus. Ich überlege wenig was für ein Ausmass dies haben könnte oder was die nächsten Schritte sind. Ich kreiere für den Moment. Jetzt nicht nur auf Rap bezogen, auch sonst mache ich einfach was ich für richtig empfinde. Ich komme aus den Neunziger und bin Ami-orientiert. Ich bin Fan von Rap-Charakteren. Mir ist wichtig dass ich eigen bin und niemanden kopiere. Ich muss auch niemandem etwas beweisen, so.

Tom: Welche Aspekte sind dir generell wichtig wenn du Texte schreibst?

Maurice Polo: Lueg, früher musste es einfach gut und schön klingen. P. Moos von Gleiszwei erzählte mir mal, dass er einen bestimmten Stamm an Wörtern hat, die auf Tonträger einfach geil klingen. Das war am Anfang auch meine Anforderung an mich selber. Es muss gut klingen, der Inhalt war mir da nicht so wichtig. Du musst aber auch sehen, ich nehme seit ich 18 Jahre alt bin Songs auf. Jetzt bin ich 34 Jahre alt. Da verlagert sich vieles wie zum Beispiel auch die private Situation oder die Weltanschauung. Ich bin Familien-Vater und bin am Abend nicht mehr gross unterwegs. Dementsprechend ist der Schwerpunkt nun anders gesetzt. Aber alles was ich bisher gemacht habe, war immer echt. Ich habe textlich nie irgendwelche Dinge erfunden oder von Sachen gesprochen von denen ich gar keine Ahnung hatte. Meine Lyrics hatten immer eine Basis und ein Fundament von Dingen die ich erlebt habe. In letzter Zeit höre ich immer wieder das Wort „real“ und Leute die mir sagen „hey, Steezo, weisst du, du bist voll real und echt“. Das mache ich immer noch so jetzt, aber es bewegt sich in eine andere Richtung.

Tom: Ich konnte bisher viele Interviews mit Rappern, Produzenten oder anderen Künstlern realisieren. Mir ist dabei aber noch nie jemand gegenüber gesessen der vierfacher Vater ist. Sind deine Kids auch eine Inspirationsquelle für dich?

Maurice Polo: Ja, definitv. Ich lebe in einer Gross-Familie. Bereits beim letzten Album gab es ein, zwei Songs auf denen ich dies thematisierte. Meine Kids hören meine Musik auch. Auf den neuem Album habe ich den Song „Tag für Tag“ dort singe ich im Refrain so „LaLaLa’s“. Eine simple Hook. Ich habe gewusst, wenn ich die Hook so mache, finden es meine Kids geil. Wenn wir jetzt im Auto fahren, sagen sie immer so „mach LaLaLa“. Die feiern das. Japhna hat dort auch extra Glocken-Töne eingebaut, weil ich ihm gesagt das meine Kinder dies cool finden. Auf ihre Inputs nehme ich auch Rücksicht, das ist mir wichtig. Das gibt mir sehr viel. Die beiden Jüngeren finden es cool. Die beiden anderen sind in der Teenager-Phase und die hören voll den Trap-Stuff und fühlen meine Musik auch weniger. Sie sagen „hey, du rappst da etwas komisch und du ziehst dich auch etwas komisch an“. Die haben heutzutage ein total anderes Bild wie Rap klingen soll. 

Tom: Was für Musik hörst du privat?

Maurice Polo: Ich höre Musik, die ich für mich aussuche und dann natürlich Musik die gezwungenermassen zuhause einfach läuft. Bei uns läuft in der ganzen Wohnung von morgens bis abends Sound. Hautsächlich läuft dort Musik von meiner Frau und den Kids. Ich höre Soul-Musik aus den Siebziger Jahren. Rap höre ich fast nicht. Manchmal ziehe ich mir einen Release wie zum Beispiel Kanye. Letztes Jahr habe ich mir J. Cole gekauft. Viel mehr aber nicht. Freeway kam aktuell noch raus jetzt, das werde ich mir ziehen. Ausgewählte Künstler, halt. Gezwungenermassen auch das neue Zeugs wie Drake oder Young Thug. Zum Teil ist das ja auch noch cool, aber auf die Länge gesehen auch langweilig weil alles gleich klingt, so. Der Vibe ist sehr ähnlich. Auch die Art wie sie rappen. Früher hörtest du einfach genau heraus „ja, das ist jetzt Ghostface oder das ist Nas“. Das ist aber einfach die heutige Zeit.


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