Tom: Als Steezo hast du dich mit deinen Alben und Mixtapes gut in der
Rap-Szene positioniert. Was für eine Vision steckt hinter dem Nameswechsel zu
Maurice Polo?
Maurice
Polo: In der Vergangenheit habe ich immer gemacht was ich für richtig gehalten
habe. Jeder Moment hat gepasst. Von den Leuten mit denen ich zusammengearbeitet
habe, konnte ich auch viel lernen. Dafür bin ich dankbar. Es war eine coole
Zeit. Trotzdem muss ich rückblickend sagen, dass ich mich selber teilweise falsch
positioniert habe. Irgendwann konnte ich diese Schlagwörter in Bezug auf
„Steezo“ nicht mehr hören. Dinge wie „Züri“ oder „Mixtape“ zum Beispiel. Da
fühlte ich mich schubladisiert. Ich hatte keinen Bock mehr auf diesen Ruf. Das
war ein Grund für mich mir einen neuen Namen und auch ein neues Outfit
zuzulegen. Ich wollte einen neuen Look schaffen.
Tom: Fühltest du dich gefangen in deinen eigenen Konstrukt?
Maurice
Polo: Meine Jungs und ich machen seit Ende der Neunziger Jahre Musik. Wir
hatten das Glück dass wir sehr jung auch grosse Konzerte spielen durften. Als
wir 18 oder 19 Jahre alt waren hatten wir unser eigenes Label. 3 – 4 gute Gigs
und dann war’s das aber auch. In der anschliessenden Phase haben wir uns oft
selber ein Bein gestellt. Wir waren nicht kompromissbereit. Kamen zu spät an
die Termine oder gar nicht. Oder wir haben Konzerte versaut weil wir im
Backstage randaliert haben. Wenn Veranstalter nur schon unseren Namen gehört
haben, haben die gleich abgewunken. Da blieben für uns viele Türen
verschlossen. Diesen Ruf konnte ich nie mehr richtig ablegen. Mit meinem
letzten Album „Alles macht Sinn“ vor 3 Jahren versuchte ich dann eine andere
Schiene zu fahren. Etwas offenere Musik zu machen und damit ein breiteres
Spektrum zu erreichen. Das gelang mir eigentlich gut. Ich bin zwar nicht gross
gechartet aber war damit immerhin 2 Jahre auf Tour. Die Verkäufe waren ok. Das
war cool und dafür bin ich sehr dankbar. Das war es dann aber auch und es lag
halt so wie ein Fluch auf der ganzen Sache. Da wollte ich dann etwas neues
schaffen. Viele Leute, kein Witz, konnten auch den Namen nicht richtig
aussprechen. In der Hip Hip- Szene, sagen wir bei 300 Leuten, ist das natürlich
kein Problem, die kennen mich. Aber der ganze restliche Kuchen in der Schweiz
eben nicht. Meine Eltern können den Namen heute noch nicht richtig aussprechen.
Ich war eingeladen an Termine, zum Beispiel Radio-Interviews, da kündete mich
der Moderator falsch an. Das hat mich einfach gestört. Darum hatte ich dann
auch viel mit „aka’s“ gearbeitet. Mir andere Egos zugelegt. Interessant ist
dass der Namenswechsel erst während dem Album-Prozess entstanden ist. Wir waren
hin – und hergerissen ob wir das machen wollen oder nicht. Das Album wurde dann
aber musikalisch gesehen so anders, im Vergleich zu meinen vorherigen Sachen.
Ich habe neu eine Live-Band, ich arbeite mit einem anderen Team zusammen und
habe nun auch ein Managment hinter mir. Alles ist anders als vorher. Da kamen
wir an einen Punkt wo wir sagten „hey, das ziehen wir jetzt durch“. Wir fahren
voll den Film. Ich war mir bewusst dass es auch kritisch werden könnte. Ich
habe eine kleine und starke Fan-Base. Gewisse Leute finden das natürlich nicht
cool. Zum Beispiel hat sich auch Greis, der eigentlich Fan ist, bei mir
gemeldet. Er konnte es anfänglich einfach nicht ganz nachvollziehen und war
etwas irritiert. Da habe ich ihm meine Sicht der Dinge erläutert. Solche
Feedbacks gab es. Das verstehe ich auch. Einige Leute szenenintern konnten es
nicht nachvollziehen. Ich fand aber „hey, ich kann machen was ich will“, ich
und mein Team stehen voll dahinter. Ich denke es kommt gut. Ich habe noch nie
so ein Hype mit meinem Produkt generiert wie jetzt.
Tom: Als ich mir das Album angehört habe, sind mir schon ein paar neue
Dinge aufgefallen. Zum Beispiel auch in Bezug auf Song-Strukturen. Inwiefern
hat sich musikalisch gesehen dein Sound aus deiner Sicht jetzt verändert?
Maurice
Polo: Ich musste lernen Sätze anders zu formulieren und positiver zu sprechen.
Das war mir wichtig. Die Musik die ich früher machte hatte im jeweiligen Moment
für mich gestimmt, wie erwähnt. Ich habe es aus dem Bauch heraus gemacht und
fühlte mich dabei immer wohl. Aktuell bin ich jedoch etwas fokussierter an die
Sache rangegangen. Das neue Album habe ich nun mit einem Team realisiert das
nicht aus meinem früheren Umfeld kam. Mein Produzent Japhna Gold kenne ich erst
seit meinem letzten Album wo er ein Featuring gemacht hatte. Da hatte er den
Beat zu „Church“ beigesteuert. Zufälligerweise wohnen er und seine Jungs gleich
in unmittelbarer Nähe von mir. Sie haben 3 verschiedene Wohnungen, so
WG-mässig, nebeneinander. Dort wird nur Musik produziert und graphische Sachen
gemacht, ein Künstler-Kollektiv. Ich bin da in diesen Kreis hineingeraten und
bin sehr dankbar dass ich da mit vielen kreativen Leuten zusammenarbeiten darf.
Früher kannte ich sowas nicht. Ich fuhr einfach meine Rap-Schiene und hatte
jemand der mir einen Beat gemacht hatte. 16 Bars, eine Hook und wieder 16
Bars...damit sind wir dann einfach raus. Jetzt arbeite ich mit Leuten die sich noch
mehr Gedanken machen wie man einen kompletten Song produziert. Ich hatte vorher
nie eine Bridge aufgenommen, solche Dinge halt. Klar, bin ich auch Musik-Fan
und kannte sowas. Trotzdem habe ich mir selber früher nie Gedanken darüber
gemacht. Japhna ging voll auf mich ein als Künstler. Er kam mit vielen Ideen
wie zum Beispiel nur 4 Bars und dann kommt ein Beat-Wechsel und so weiter. Der
ganze Prozess war viel anders als früher. Darin sehe ich den Hauptunterschied.
Textlich und inhaltlich bewege ich mich immer noch in sehr ähnlichen Welten wie
vorher. Da habe ich mich selber nicht neu erfunden.
Tom: Hast du dir Ziele gesetzt mit dem neuen Album? Was möchtest du damit
erreichen?
Maurice
Polo: Wir hatten klare Vorstellungen in welcher Form und in welchem Look wir
rausgehen wollten. Das haben wir schon erreicht. Alle Ziele die ich mir gesetzt
habe, sind bereits erreicht obwohl das Album gar noch nicht releast war. Alles
was jetzt noch passiert ist Bonus. Ich bin dankbar wo immer es damit noch
hingeht. Ich habe mich an einem sehr bekannten Album aus dem Jahre 2015
orientiert und wollte etwas ähnliches in dieser Richtung schaffen. Das ist uns
gelungen. Schon mit dem Vorverkauf habe ich bereits mehr verkauft als je
bisher. Crazy. Die Tour steht auch bereits. Früher mussten wir den Bookings
hinterher rennen. Die Promo-Phase war auch optimal. Alles ist top und geht auf,
sehr cool.
Tom: Wenn ich dich als Rapper analysiere sehe ich deine Stärken im
Bereich Flow und Gimmicks. In diesem Bereich hast du einen richtigen
Trademark-Sound mit einem hohen Wiedererkennungswert entwickelt. Hast du dies
bewusst gefördert oder hat sich dies einfach so ergeben?
Maurice
Polo: Das ist sehr natürlich. Ich habe dies nicht kopiert und mir dazu auch
überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich arbeite aus dem Bauch heraus. Ich
überlege wenig was für ein Ausmass dies haben könnte oder was die nächsten
Schritte sind. Ich kreiere für den Moment. Jetzt nicht nur auf Rap bezogen,
auch sonst mache ich einfach was ich für richtig empfinde. Ich komme aus den
Neunziger und bin Ami-orientiert. Ich bin Fan von Rap-Charakteren. Mir ist
wichtig dass ich eigen bin und niemanden kopiere. Ich muss auch niemandem etwas
beweisen, so.
Tom: Welche Aspekte sind dir generell wichtig wenn du Texte schreibst?
Maurice
Polo: Lueg, früher musste es einfach gut und schön klingen. P. Moos von
Gleiszwei erzählte mir mal, dass er einen bestimmten Stamm an Wörtern hat, die
auf Tonträger einfach geil klingen. Das war am Anfang auch meine Anforderung an
mich selber. Es muss gut klingen, der Inhalt war mir da nicht so wichtig. Du
musst aber auch sehen, ich nehme seit ich 18 Jahre alt bin Songs auf. Jetzt bin
ich 34 Jahre alt. Da verlagert sich vieles wie zum Beispiel auch die private Situation
oder die Weltanschauung. Ich bin Familien-Vater und bin am Abend nicht mehr
gross unterwegs. Dementsprechend ist der Schwerpunkt nun anders gesetzt. Aber
alles was ich bisher gemacht habe, war immer echt. Ich habe textlich nie
irgendwelche Dinge erfunden oder von Sachen gesprochen von denen ich gar keine
Ahnung hatte. Meine Lyrics hatten immer eine Basis und ein Fundament von Dingen
die ich erlebt habe. In letzter Zeit höre ich immer wieder das Wort „real“ und
Leute die mir sagen „hey, Steezo, weisst du, du bist voll real und echt“. Das
mache ich immer noch so jetzt, aber es bewegt sich in eine andere Richtung.
Tom: Ich konnte bisher viele Interviews mit Rappern, Produzenten oder
anderen Künstlern realisieren. Mir ist dabei aber noch nie jemand gegenüber gesessen
der vierfacher Vater ist. Sind deine Kids auch eine Inspirationsquelle für
dich?
Maurice
Polo: Ja, definitv. Ich lebe in einer Gross-Familie. Bereits beim letzten Album
gab es ein, zwei Songs auf denen ich dies thematisierte. Meine Kids hören meine
Musik auch. Auf den neuem Album habe ich den Song „Tag für Tag“ dort singe ich
im Refrain so „LaLaLa’s“. Eine simple Hook. Ich habe gewusst, wenn ich die Hook
so mache, finden es meine Kids geil. Wenn wir jetzt im Auto fahren, sagen sie
immer so „mach LaLaLa“. Die feiern das. Japhna hat dort auch extra Glocken-Töne
eingebaut, weil ich ihm gesagt das meine Kinder dies cool finden. Auf ihre
Inputs nehme ich auch Rücksicht, das ist mir wichtig. Das gibt mir sehr viel.
Die beiden Jüngeren finden es cool. Die beiden anderen sind in der
Teenager-Phase und die hören voll den Trap-Stuff und fühlen meine Musik auch weniger.
Sie sagen „hey, du rappst da etwas komisch und du ziehst dich auch etwas
komisch an“. Die haben heutzutage ein total anderes Bild wie Rap klingen soll.
Tom: Was für Musik hörst du privat?
Maurice
Polo: Ich höre Musik, die ich für mich aussuche und dann natürlich Musik die
gezwungenermassen zuhause einfach läuft. Bei uns läuft in der ganzen Wohnung
von morgens bis abends Sound. Hautsächlich läuft dort Musik von meiner Frau und
den Kids. Ich höre Soul-Musik aus den Siebziger Jahren. Rap höre ich fast
nicht. Manchmal ziehe ich mir einen Release wie zum Beispiel Kanye. Letztes
Jahr habe ich mir J. Cole gekauft. Viel mehr aber nicht. Freeway kam aktuell
noch raus jetzt, das werde ich mir ziehen. Ausgewählte Künstler, halt. Gezwungenermassen
auch das neue Zeugs wie Drake oder Young Thug. Zum Teil ist das ja auch noch
cool, aber auf die Länge gesehen auch langweilig weil alles gleich klingt, so. Der
Vibe ist sehr ähnlich. Auch die Art wie sie rappen. Früher hörtest du einfach
genau heraus „ja, das ist jetzt Ghostface oder das ist Nas“. Das ist aber
einfach die heutige Zeit.

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