Freitag, 5. Juni 2015

„Ich will das Publikum verwöhnen und ihre Erwartungen übertreffen. Das ist das Mindeste, dass wir Künstler, von uns selber, verlangen sollten“.


Im Interview spricht Seven über sein neues Album „BackFunkLoveSoul“, seine Zeit als Partyveranstalter und seine Lieblingsplatten.
 
Wortmaler: 2002 kam dein erstes Album „Dedicated to“ auf den Markt – was  hast du für Erinnerungen an diese Zeit?

Seven: Nur Gute. Ich habe Parties organisiert und natürlich auch bereits ein Band gehabt. Ich begann mit 8 Jahren in der Funk-Band von meinem Bruder. 2002 hatte ich schon fast 14 Jahre Bühnenerfahrung. Ich hatte ein Party-Label namens „Check your Head“ in Wohlen. Ich war ein Rap-Kind. Wir waren mitunter die ersten die ausschliesslich auf CH-Rap und deutschen Rap setzten. Da hatten wir Acts wie Mind Nation, daraus enstand ja dann Nation Records, oder auch Wrecked Mob und Bligg’n’Lexx. Aus Deutschland waren damals zum Beispiel Dynamite Deluxe oder Kool Savas bei uns am Start. Das was wir cool fanden, haben wir gebucht. An einer Party hatte ich auch eine Band namens Tazulu gebucht. Das war ihr erster Auftritt überhaupt. Sie nannten sich nachher auch gleich TAFS. Ich habe die sehr geil gefunden und so dann auch DJ Flink kennengelernt. Ich war auch Host an den Parties und Freestyle Battles, habe aber nie gerappt sondern gesungen. Als der MC seinen Sechzehner durchhatte, sang ich einen Refrain. Da bekam ich jeweils gute Feedbacks aus dem Publikum. Dabei habe ich auch viele Leute aus der Szene kennengelernt. Flink und ich haben dann unsere gemeinsame Liebe für R’n’B mit einer MPC, einem Keyboard und einem Shure SM58 in einem Keller in Liestal ausgelebt. Daraus enstand in rudimentärster Manier, mit HipHop-Attitüde produziert, das erste Album. Für das Solo-Album von Taz hatte ich dort vorher ebenfalls ein Featuring eingesungen und dann fragt er so „Du was soll ich da draufschreiben…featuring Jan, oder was?“ Ich sass da und hatte eigentlich keine Ahnung. Der Name „Seven“ enstand dann aus dem Bauch heraus und fühlte sich gut an. Nation Music, damals noch, wagte sich dann dieses englischgesungene R’n’B-Album zu veröffentlichen. Obwohl sie sonst nur CH-Rap releasten. Der Rest ist dann Geschichte. Ich bin sehr froh und dankbar wie es gekommen ist.

Wortmaler: Ist der Punkt, an dem du jetzt stehst, damals für dich das Ziel gewesen?

Seven: Nein, so funktioniere ich nicht. Mein Ziel ist das Heute. Ich bin so ein intensiver und leidenschaftlicher Mensch. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wo ich in 5 Jahren bin. Wenn ich eine Idee für einen Song habe, ist das Ziel diesen fertigzustellen. Wenn das Endprodukt so tönt, wie ich es mir vorgestellt habe, dann kann ich entspannen. Mein Kopforchester hat eine klare Vorstellung. Ich denke immer gerade an das, was ich mache. An das Jetzt.

Wortmaler: Welcher Moment in deiner Karriere hat dich am meisten geprägt?

Seven: Es gibt Auszüge und Situationen die wegweisend waren. Wo du dazulernst, wo du diese Branche oder auch die Arbeit auf der Bühne besser kennenlernst. Die Zeit um 2002 war sicher so ein Moment. Auf der damaligen R’n’B-Welle hatte ich zusammen mit Flink viele Live-Auftritte in Clubs. Immer mitternachts spielten wir so 3 – 4 Songs. Das machte sonst niemand. Es gab viele Rapper, aber fast keine Sänger. Dort habe ich gelernt, dass dir das Ueberraschungsmomentum in der Schweiz viel bringen kann. Flink droppte dann zum Beispiel ein Instrumental von Montell Jordan und ich sang darüber. Das kam gut an. Die Leute waren dann auch überrascht, als sie am Schluss erfahren haben, dass da jetzt einer aus der Schweiz gesungen hatte. Das waren wichtige Erfahrungen. Man sollte sich gut vorbereiten und den Leuten etwas liefern. Wenn man dann weiss, dass man es kann, darf man sich überall präsentieren. Das ist so mein Credo. Dann hast du die Chance, die Leute zu überzeugen. 2002, an einem Samstag um 10 Uhr habe ich einen Anruf erhalten. Der Support-Act von Destinys Child im Hallenstadion, heute Abend,  sei krank. Ich hatte die Möglichkeit zu übernehmen. Spontan habe ich da zugesagt. Ich war alleine auf dieser Bühne. Weil sie keine Plattenspieler auf der Bühne hatten, musste sich Flink vorne in der Mitte, bei den Zuschauern, beim Mischpult positionieren. Da überlegte ich mir, wie das nun am Besten funktioniert. Sollte ich einfach auf die Bühne gehen sagen „Hey, ich bin Seven aus Wohlen und singe nun ein paar Songs?“ Das hätte wohl kaum funktioniert. Ich sagte mich also hinter dem Vorhang gleich auf Englisch als offizieller Supporting-Act an und draussen kreischte das Publikum. Der erste Song ging gleich voll ab. Nachher sagte ich auf schweizerdeutsch „Hey Züri sinder zwäg“. Dann war Totenstille. Du hast nun zuerst etwas geliefert und dann war ich auch so wie akzeptiert. Das war auch so ein Moment. Mir ist aber wichtig mich immer weiterzuentwicklen. Ich möchte meine Touren immer anders und neu gestalten. Ich verändere auch meine Band. Kein Album solch gleich tönen wie das andere. Erwartungen schüren und übertreffen ist immer mein Ziel. Die Leute zahlen Geld für die Konzerte. Viel intensiver ist für mich aber die Zeit, die sie investieren. Sie verbringen den ganzen Abend mit dir. Sie müssen sich organisieren. Vielleicht sogar einen Babysitter besorgen. Das bedeutet mir enorm viel. Ich will das Publikum verwöhnen und ihre Erwartungen übertreffen. Dass ist das Mindeste, dass wir Künstler, von uns selber, verlangen sollten. Das ist meine Einstellung.

Wortmaler: Beim Entstehungsprozess zu deinem neuen Album „BackFunkLoveSoul“ hast du dich vorher mit deiner Plattensammlung auseinandergesetzt. Ueber welche Platte hast du dich da besonders gefreut?

Seven: Als Musiker habe ich eine ziemlich grosse Sammlung von Platten und CD’s. Im Studio habe ich dann meine komplette Sammlung ausgebreitet. Alles war voll. Alle Covers lagen am Boden. Dann habe ich alle zeitbegrenzten Affairen weggenommen. Das war Alben, die ich heute einfach cool finde, weil ich es damals gehört habe, aber heute würde ich diese nicht mehr jeden Tag hören wollen. Am Schluss lagen nur noch meine persönlichen Evergreens da. Meine Legenden. Prince, Michael Jackson, Meshell Ndegeocello, Stevie Wonder, DJ Quik und das erste Album von Tha Alkaholiks. Ca. 25 Alben waren das dann. Dann wollte ich herausfinden, warum genau diese Alben noch übriggeblieben sind. Was haben diese, was die anderen nicht hatten. Ich könnte diese Alben jeden Tag hören. Keines von diesen ist nett und leichtverdaulich. Jedes hat eine gute Prise Arschloch und jedes ist auf seine Art und Weise extrem. Musik bringt mich zum Tanzen, in’s Schlafzimmer oder zum Weinen. Ich bin ein extremer Mensch. Wenn ich Musik noch nett finde, ist es ok, aber wohl nicht der Burner. Es ist dann einfach langweilig. Ich liebe Musik die Ecken und Kanten hat und polarisiert. Es muss mich sofort packen. Es gibt wenig fröhliche Musik die ich cool finde. Fröhliche Musik zu machen, die nicht nett ist und schnell verleidend wirkt, ist sehr schwierig zu machen. Es gibt wenig Songs, die per se fröhlich sind, aber einem nicht schnell verleiden. Early Prince ist da ein gutes Bespiel. Sehr fröhlich, sexy und überzeugend. Fröhlich ist meistens einfach nett, aber selten sexy. Ich habe halt am liebsten den Funk aus den Siebziger-Jahren. Dirty und nasty. Dort liegt musikalisch mein Ursprung. Dann kam in den Neunziger natürlich noch Rap dazu. Das erste Common-Album war da für mich ein Gamechanger. Melancholisch, dramatisch und trotzdem hart. Dieser Mix ist mein Ding. DJ Premier mit seinen Beats auf dem Album ist für mich immer noch einer der Helden. Auch das erste Jay-Z Album „Reasonable Doubt“ ist ein grosses Ding. Auch die ganze Neo-Soul-Bewegung mit D’Angelo, The Roots oder Musiq Soulchild ist mein Soundbild. Mein Ding ist das Soundbild der Neunziger verbunden mit der Art und Weise wie man in den Ende Siebziger/Anfang Achtziger Musik geschrieben hat. Das gefällt mir am Besten. Dieser Prozess der Selbstfindung war sehr spannend. 

Wortmaler: Wie sieht dein Schreibprozess aus?

Seven: Den gibt es so nicht. Ich glaube auch ein Maler geht nicht in’s Atelier, steht vor einer weissen Leinwand und überlegt sich dann, was er malen soll. Irgendwann im Leben macht es „boooom“ und dann sieht er ein Bild vor sich. Dann beginnt er. Entweder malt er dann das Bild genau so, wie er es im Kopf hat oder er lässt es entstehen und dann gibt es vielleicht etwas anderes daraus. Ich höre einen fertigen Song und dann ist die Herausforderung, ob ich an dieses Kopforchester herankomme. Wenn es dann echt wird, ist dies eine grosse Genugtuung, wenn es genau so gelingt, wie man es haben möchte.

Wortmaler: Wie läuft das bei dir und deiner Band mit der Instrumentierung? Erarbeitet ihr das Soundbild gemeinsam?

Seven: Ich suche mir jemand der ein Studio besitzt und dieses in – und auswenig kennt. Jemand der meine Art von Musik cool findet und mit Leidenschaft dabei ist. Ich brauche ein Team um mich herum. Ich war in Bern bei Ben Mühlenthaler und wir arbeiteten zusammen mal 4 Tage lang. Er hatte auch die letzten zwei Alben von Prince gemischt. Ich hatte Ideen und bat ihn, mir ein Spielplatz einzurichten. Nach 2 Stunden war alles ready und ich spielte alle meine Instrumente mal selber ein. Wenn ich es nicht live spielen kann, wie zum Beispiel eine Trompete dann halt am Keyboard. Schreibe es auf Noten und hole mir dann die richtigen Horns bzw. Leute um es richtig einzuspielen. Anfänglich ist es eine reine Synthi-Produktion aber Stück um Stück wird es dann mit richtigen Instrumenten ersetzt. Es kommt so immer mehr Liebe dazu. Mir ist extrem wichtig, dass wir als Band super funktionieren. Auch neben der Bühne. Wäre dies nicht der Fall, würde es sich direkt auf unseren Gig auswirken. Meine aktuelle Keyboarderin war in der Band bei Prince, da ist auch viel Erfahrung vorhanden. Ich bin glücklich mit meiner Band.

Wortmaler: Welchen Stellenwert hat HipHop bei deiner Musik?

Seven: Durch den HipHop habe ich meinen Weg zum Produzieren gefunden. Bei meinem ersten Album konnte ich mir kein Orchester leisten. Oder mit einer Band in’s Studio gehen. Diese Arbeitsform mit einer MPC gab mir anfänglich die Möglichkeit mich auszudrücken. Ich begann Soul-Platten abzusamplen. Wie im HipHop. Die Jungs wollten einfach Musik machen. Hatten aber keine Möglichkeit in ein Studio zu gehen. Zum Beispiel ein Schlagzeug aufzunehmen kostet ein kleines Vermögen. Das gab mir ebenfalls die Möglichkeit, in einem überschaubaren Rahmen, überhaupt erstmals Musik machen zu können. HipHop war für mich die Eintrittskarte. Das verschafft mir bis heute einen Vorteil.

Wortmaler: Was hörst du aktuell privat für Musik?

Seven: Herbie Hancock. Im Moment kommt nichts anderes in mein Auto. DJ Quik liebe ich auch. Diese Art von Westcoast-Funk mit diesen Akkorden und Bassläufen kann ich auch mal 6 Minuten hören ohne dass jemand rappt. Es muss einfach sexy sein. Auch das neue Album von James Bay ist der Wahnsinn. Ed Sheeran ist auch super. Alles eigenständig und sehr nachhaltig. Das Paket bei diesen Künstlern stimmt.


Und zum Schluss noch dies…
D’Angelo oder John Legend?
Ganz klar: D’Angelo.
Quincy Jones oder Nile Rodgers?
Quincy Jones. Nile Rodgers ist ein geiler Gitarrist. Quincy ein Halbgott.
Shaft oder Superfly?
Shaft. Ist cooler.
Blues oder Jazz?
Blues. Blues ist direkter. Jazz ist mir in vielen Fällen zu verschnörkelt.
3-Punkte-Wurf oder Slam Dunk?
Dreier! Ich bin Aufbau-Spieler, da muss der Dreier sitzen.

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